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DIE MUSIKMETROPOLE BONN HAT

Beethovens Entwicklung entscheidend geprägt. Ohne dieses Umfeld wäre er wohl kaum schon in Bonn zum außergewöhnlichen Musiker herangereift. Diesem Thema widmete sich der 3. Teil der siebenteiligen Beethoven-Serie von Stephan Eisel im Bonner General-Anzeiger.
DIE MUSIKMETROPOLE BONN HAT

 

Wenn Sie mehr über Beethoven in Bonn erfahren wollen:
Im März 2020 ist von Stephan Eisel das "kleine" Beethoven-Buch "Beethoven in Bonn" (128 Seiten incl. englischer Übersetzung) erschienen, vor der Sommerpause 2020 erscheint von ihm das "große" Beethoven-Buch "Beethoven - Die 22 Bonner Jahre" (über 550 Seiten).

 

Den folgenden Text können Sie hier ausdrucken.  

Dabei handelt es sich um den 3. Teil der achtteilige Beethoven-Serie von Stephan Eisel zum Beethoven-Jubiläum im General-Anzeiger:


Stephan Eisel

Die Musikstadt Bonn

Die Musikliebhaberey nimmt unter den Einwohnern sehr zu“ – so charakterisierte das renommierte Magazin für Musik am 8. April 1787 Beethovens Heimatstadt, und ohne Zweifel wuchs der Komponist in einer ausgesprochenen Musikstadt auf. Das Zentrum bildeten die Hofkapelle und das Hoftheater, in dem die aktuellsten Opern der Zeit gespielt wurden. Darum herum hatte sich zugleich eine außerordentlich vielfältige Szene begabter Laienmusiker gebildet, zu denen auch der Kurfürst selbst gehörte. Als jüngster Sohn der Kaiserin Maria Theresia hatte Max Franz eine solide Musikausbildung erhalten, musizierte selbst vor allem an der Bratsche und nannte eine außergewöhnliche Notensammlung sein Eigen. Mit Wolfgang Amadeus Mozart war er persönlich bekannt und hatte auch die Möglichkeit ventiliert, diesen zum Bonner Hofkapellmeister zu berufen.

Das Rückgrat der Musikstadt Bonn waren die örtlichen Musikerfamilien. Dass bei den Beethovens ab 1733 mit dem Bassisten und späteren Hofkapellmeister Ludwig van Beethoven d.Ä., seinem Sohn Johann (Tenor) und dem Enkel Ludwig drei Generationen aus einer Familie der Hofkapelle angehörten, war dabei keineswegs ungewöhnlich.

Eine besonders einflussreiche Bonner Musiker-Dynastie war die Familie Ries. Johann Ries, gleichsam der „Urvater“ der Familie, war schon 1747 als Trompeter und ab 1754 als Geiger Mitglied in der Hofkapelle. Zwei seiner vier Kinder wurden ebenfalls Mitglieder des Orchesters: Johanns älteste Tochter Anna Maria (verheiratete Drewer) war 1764-1794 eine viel gelobte Sängerin, sein Sohn Franz Anton galt als Wunderkind und wurde 1774 offiziell als Geiger in die Hofkapelle aufgenommen, der er – in den 90er Jahren als Konzertmeister bzw. Musikdirektor – bis zu deren Auflösung 1794 angehörte.

Franz Anton Ries erteilte Beethoven zeitweise Geigenunterricht. 1845 konnte er hochbetagt sogar noch die Enthüllung des Beethoven-Denkmals auf dem Münsterplatz erleben. Beethoven hat ihn zeitlebens verehrt. Auch drei der elf Kinder von Franz Anton Ries wurden Musiker. Am bekanntesten ist der 1784 geborene Ferdinand, der später in Wien Schüler und Assistent von Beethoven war und dann selbst in ganz Europa ein gefeierter Pianist und Komponist wurde.

Auch die Familie Salomon hinterließ in der Bonner Musikszene viele Spuren. Philipp A. Salomon, der ab 1765 unter der Leitung des Hofkapellmeisters Ludwig van Beethoven d. Ä.  als Oboist und Violinist in der kurfürstlichen Kapelle musizierte, hatte drei außergewöhnlich begabte Kinder: Johann Peter war schon 1758 als 13-Jähriger Geiger im Orchester. 25 Jahre vor dem Komponisten Ludwig van Beethoven war er im selben Haus in der Bonngasse geboren worden. Seine Schwester Anna Jacobina Salomon war Altistin in der Bonner Hofkapelle und eine Schülerin von Johann van Beethoven. Eine weitere Schwester namens Anna Maria war dort Sopranistin.

Johann Peter Salomon verließ Bonn 1764, also noch vor der Geburt von Ludwig van Beethoven, um Konzertmeister im königlich-preußischen Rheinsberg zu werden. Auch als er 1781 nach London übersiedelte, ließ er den Kontakt in seine Heimatstadt nie abreißen und traf bei seinen Besuchen auch den jungen Beethoven. Später organisierte Salomon die Besuche von Joseph Haydn in Bonn, bei denen Beethovens Unterricht in Wien vereinbart wurde.

Wie die Familie Salomon wohnte in der Bonngasse auch Nikolaus Simrock. Er war Hornist in der kurfürstlichen Hofkapelle und besorgte auch die Noten für das Orchester. Daraus entwickelte sich eine Musikalienhandlung und ab 1790 über mehrere Generationen ein für die Musikwelt bedeutender Verlag. Auch für Beethoven war der frühere Orchesterkollege einer der Hauptverleger. Im Simrock-Verlag erschienen 1793-1820 insgesamt 14 Erstausgaben Beethoven’scher Werke, darunter beispielsweise die berühmte „Kreutzer-Sonate“ für Violine und Klavier op. 47.


Eine besondere Beziehung zu Beethoven hatte auch die Musikerfamilie Willmann. Die Willmanns waren unmittelbare Nachbarn der Beethovens, als diese in der Rheingasse lebten. Vater Ignaz Willmann war von 1767 bis 1774 als Flötist, Geiger und Cellist Mitglied der Hofkapelle. Die mit Beethoven fast gleichaltrigen Kinder Maximilian, Walburga, Magdalena und Karl waren alle musikalisch begabt. Sie gingen mit ihrem Vater in den 1780er Jahren auf Konzertreise, die sie auch nach Wien und zu Mozart führte. Nach der Rückkehr traten sie 1788 in die Bonner Hofkapelle ein und waren dann nach 1794 wie Beethoven in Wien tätig. Insbesondere die Sopranistin Magdalena Willmann hatte es Beethoven angetan, und er komponierte auch für sie.

Zu den Bonner Musikerfamilien kamen immer wieder nach Bonn verpflichtete auswärtige Spitzenmusiker. Hier ist besonders der Italiener Andrea Luchesi zu nennen. Er war während Ludwig van Beethovens Bonner Zeit als Hofmusiker ununterbrochen Hofkapellmeister.

Sehr einflussreich im Bonner Musikleben waren auch Joseph und Anton Reicha. Der in Böhmen geborene Cellist Joseph Reicha kam 1785 als Konzertdirektor nach Bonn. Er war zuvor Kapellmeister in der renommierten fürstlichen Oettingen-Wallersteinschen Hofkapelle in Schwaben. Als Pflegesohn hatte er Anton, den Sohn seines verstorbenen Bruders, des Stadtpfeifers von Prag, bei sich aufgenommen und unterrichtet. Anton Reicha wurde ein herausragender Flötist, Geiger und Komponist, der sich in der Hofkapelle schnell mit dem gleichaltrigen Ludwig van Beethoven anfreundete.

Erst 1790 begann die Bonner Orchestertätigkeit der 1767 geborenen Romberg-Vettern Andreas (Geige) und Bernhard (Violoncello). Sie entstammten einer Musikerfamilie in Münster, für das der Kurfürst als Fürstbischof zuständig war. Die beiden Vettern hatten als „Wunderkinder“ bereits Konzertreisen durch Europa unternommen und gehörten dann in Bonn zum Freundeskreis des gleichaltrigen Beethoven. Auch sie traf er in Wien wieder.

Eine besondere Rolle in Bonn und für Beethoven spielte Christian Gottlob Neefe. Als der renommierte Komponist im Oktober 1779 nach Bonn kam, war er bereits als feste Größe im deutschen Musikleben etabliert. Kurfürst Maximilian Friedrich berief ihn 1782 zum Hoforganisten. Ausgebildet bei Adam Hiller in Leipzig, brachte er die Bach’sche Musiktradition nach Bonn.

Zudem hatte sich Neefe als Autor musiktheoretischer Schriften und als Musikjournalist einen Namen gemacht. Er übersetzte viele italienische und französische Opernlibretti, darunter schon 1788 Mozarts den erst im Jahr zuvor uraufgeführten Don Giovanni, und fertigte zahlreiche Klavierauszüge populärer Opern an. Zeitgenossen galt Neefe als einer „der gründlichsten und gefälligsten Tonsetzer unserer Zeit“.

Zugleich war Neefe als Publizist ein vehementer Verfechter der Aufklärung. Als Lehrer und Förderer hatte er großen Einfluss auf Beethovens Entwicklung. In ihm kristallisierten sich nicht nur die hohen Qualitätsansprüche in der Musikstadt Bonn, mit denen Beethoven groß wurde, sondern auch das Umfeld, in dem er aufwuchs, in der Musik nicht im Elfenbeinturm stattfand, sondern Teil der gesellschaftlichen Entwicklung zu mehr Freiheit war.Für Beethovens musikalische Entwicklung war es sicherlich von Vorteil, dass er sich in Bonn mit anderen Ausnahmetalenten messen konnte. Wie er machten später auch Ferdinand Ries, Anton Reicha, die Romberg-Vettern, Johann Peter Salomon und Nikolaus Simrock in ganz Europa von sich reden.

Wie ein Resonanzboden wirkten für Beethoven auch die vielfältigen musikalischen Aktivitäten von Musikliebhabern und talentierten Amateuren in Bonn. Diese außerordentlich lebendige private Musikszene reichte von den höchsten Adelskreisen bis ins Bürgertum, wobei die verschiedenen Schichten nicht zuletzt durch das gemeinsame Musizieren miteinander verwoben waren. Es charakterisiert Beethovens Bonn, dass der renommierte Komponist, Musikdirektor und Journalist Christian Friedrich Daniel Schubart 1784/85 von seinem Besuch in Bonn besonders den „Eifer für Musik in Privatfamilien“ hervorhebt: „man findet da mehr als einen Cavalier, mehr als eine Dame, die es in der Musik bis zur Meisterschaft getrieben haben.“

Ein besonderer Kristallisationspunkt war dabei Hofrat Johannes Gottfried von Mastiaux, der allein von Haydn die Noten von 80 Sinfonien, 40 Trios und 30 Quartetten besaß. Mastiaux nannte auch sieben Klaviere und zahlreiche Streichinstrumente sein Eigen. Mit seinen fünf Kindern pflegte er die Hausmusik. Seine Tochter Amalia erhielt wohl auch von Beethoven Klavierunterricht.

Unter den besonders talentierten Bonner Amateuren muss auch eine Großnichte von Kurfürst Maximilian Friedrich erwähnt werden: Anna Maria Hortense Gräfin von Hatzfeld war in Wien unterrichtet worden und galt als talentierte Sängerin sowie außerordentlich begabte Pianistin, die auch von Mozart geschätzt wurde. Beethoven, der ihr später auch in Wien begegnete, widmete ihr seine 1791 veröffentlichten 24 Variationen über die Ariette „Venni Amore“ von Vincenzo Righini für Klavier WoO 65.

Neben dem Haus Mastiaux und dem Haus Hatzfeld war der Metternicher Hof ein weiterer musikalischer Treffpunkt in Bonn. Dort lebte Gerichtspräsident Graf Johann Ignaz von Wolff-Metternich. Seine Frau Antonie nahm Klavier- und Gesangsunterricht, und Beethoven widmete ihr seine erste Komposition, die Neun Variationen über einen Marsch von Ernst Christoph Dressler WoO 63. Musikbegeistert waren auch die Töchter Terese und die als vorzügliche Klavierspielerin gelobte Felise.

Ludwig van Beethoven hat zeitlebens davon gezehrt, dass er in einer so lebendigen Musikstadt aufgewachsen ist. Neefe brachte es auf den Punkt, als er am 30. März 1783 im Magazin der Musik schrieb, „daß ein Fremder, der die Music liebt, nie ohne musicalische Nahrung von Bonn wieder abreisen wird.“ Ohne dieses Umfeld wäre Beethoven wohl kaum schon in Bonn zum außergewöhnlichen Musiker und weit über die Grenzen der Stadt beachteten Komponisten herangereift.

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AKTUELLES

17. Jun 2015

AUF DIE KNOCHEN BLAMIERT

hat sich die Bonner Kommunalpolitik mit dem Ende des Beethoven-Festspielhauses. Der Hauptsponsor Deutsche Post DHL zog sich mit Hinweis auf den fehlenden Schulterschluss in der Stadt zurück.  Der Bonner Oberbürgermeister, sein Kulturdezernenten und die Kommunalpolitik insgesamt haben zu verantworten, dass eine große Zukunftschance für die Beethovenstadt Bonn vertan wurde.
13. Mai 2015

IN BONN WIRD ÜBER KULTUR-GEBÄUDE

entschieden, ohne deren Verwendungszweck zu klären - z. B. mit millionenschweren Planungsmittel für die Beethovenhalle, ohne zu wissen, wofür die Halle überhaupt gebraucht wird. Statt solcher Geldverschwendung ist ein Gesamtkonzept notwendig, bei dem die Gebäude den Inhalten dienen. Dazu ein Diskussionsanstoß: Konzertsaal im Festspielhaus, Theatersaal in die Beethovenhalle und Godesberger Stadthalle als Mehrzweckzentrum.
16. Apr 2015

DIE BEETHOVENHALLE ALS MILLIONENGRAB

zeichnet sich nach neuen Zahlen der Bonner Stadtverwaltung ab. Für einen Umbau zur konzerttauglichen Multifunktionshalle werden mindestens 69 Mio Euro veranschlagt. Damit müsste die Stadt fast das Fünffache dessen ausgeben, was ihr Beitrag für das Beethoven-Festspielhaus wäre und hätte immer noch keinen Konzertsaal.
25. Jan 2015

DAS FESTSPIELHAUS SPART 20 MIO EURO

für die Bonner Stadtkasse, weil der bisher beabsichtigte teure Umbau der Beethovenhalle mit Nutzungserweiterung dann zur Sanierung für die bisherige Nutzung abgespeckt werden kann. Darüber hinaus gingen Bonn ca. 100 Mio Euro verloren, die Bonner Bürger und Unternehmen sowie der Bund u.a. für das Festspielhaus investieren wollen.
15. Dez 2014

MIT UND FÜR BEETHOVEN

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