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ZUR DISKUSSION UM DEN WEHRDIENST

hat sich Stephan Eisel an seine eigene Zeit bei der Bundeswehr erinnert und beschrieben, wie er seinen Wehrdienst als "Schule der Nation" erlebt hat - zunächst wenig begeistert, dass er ihn absolvieren musste, später aber dankbar für die Erfahrungen, die er in dieser Zeit gemcht hat.
ZUR DISKUSSION UM DEN WEHRDIENST

 

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Stephan Eisel

Wehrdienst als „Schule der Nation“

Ein Erfahrungsbericht

Mit dem am 1. Januar 2026 in Kraft getretenen neuen Wehrdienstgesetz erhalten alle Männer ab dem Geburtsjahrgang 2008 einen verpflichtend zu beantwortenden Fragebogen zur Eignung und Motivation für einen eventuellen Wehrdienst. Ab dem 1. Juli 2027 werden sie dann verpflichtend zur Tauglichkeitsuntersuchung (Musterung) eingeladen.Zunächst erfolgt der Wehrdienst freiwillig. Bei zu geringen Freiwilligenzahlen kann der Bundestag die „Bedarfswehrpflicht“ ausrufen, die eine verpflichtende Einberufung ermöglicht. Auf die bisher ca. 200.000 verschickten Fragebögen reagierte etwa ein Viertel der angeschriebenen Männer nicht. Ihnen droht ein Bußgeld von voraussichtlich 250€.

Mich haben diese Nachrichten daran erinnert, wie ich selbst Anfang der 70er Jahre mit dem Wehrdienst konfrontiert wurde. Meine Begeisterung war durchaus überschaubar, aber mit der Einladung – in Wahrheit war es eine Vorladung -  zur Musterung hatte ich es schwarz auf weiß, dass da etwas Unvermeidliches auf mich zukam. Aber da war noch die kleine Hoffnung, bei der Musterung als „untauglich“ eingestuft zu werden. Obwohl ich mir Mühe gab, wurde daraus nichts. Ich musste mich also für oder gegen den Dienst in der Bundeswehr entscheiden.

Einerseits war mir klar, dass man gegenüber der Sowjetunion so etwas wie Abschreckung brauchte. Sie hatte ihr Militär von der Berlin-Blockade 1948/49 und dem 17. Juni 1953 bis zu den Einmärschen in Ungarn 1956 und der Tschecheslowakei 1968 (das lag damals erst fünf Jahre zurück) auch in Europa einfach zu oft eingesetzt.

Aber war ausgerechnet ich der Richtige für die Landesverteidigung? Im Ernstfall auf andere Menschen schießen? Diese Frage beschäftigte mich und war auch ständiges Diskussionsthema unter uns Klassenkameraden. Zividienst schien vielen der sinnvollere Dienst zu sein, auch wenn er damals mit dem „Drückeberger“-Image abgewertet wurde.

Mein Vater war 1939 als 17-jähriger zwangsweise eingezogen worden. Mit den Nazis hatten er und seine Familie nichts zu tun und über seine Erlebnisse als Soldat sprach er so gut wie nie. Er war ein überzeugter Anhänger von NATO und Bundeswehr, aber wohl wegen seiner eigenen Kriegserlebnisse drängte er mich nie zur Wehrdienst. Bei meiner Mutter war das anders: Sie gehörte mit vielen anderen Verwandten zu denen, die den „Drückeberger“-Vorwurf einsetzten: „Willst Du mich und Deine Geschwister etwa nicht verteidigen?“

Ich fand die Entscheidung für mich sehr schwierig und sie fiel dann knapp mit 51:49 für den Wehrdienst, den ich dann bei den Gebirgsjägern in Mittenwald ableistete. Dort erlebte ich 15 Monate lang, was die Bundeswehr damals auch ausmachte: eine oft sinnlose “Formalausbildung” und viel Leerlauf mit sinnfreien Beschäftigungstherapien wie dem stundenlangen Montieren und Demontieren des G3-Gewehrs. Andererseits gab es motivierende Erlebnisse wie die Ausbildung zum Funker, den Sport und natürlich die Berge – auch mit vielen anstrengenden Märschen und der aufreibenden Suche nach Lawinenopfern.

Materiell war die Bundeswehr alles andere als attraktiv: Als wehrdienstleistender Gefreiter erhielt man damals einen monatlichen Sold von 215 DM; heute werden 2.600 € geboten. Da mein Verhältnis zum Militär an sich distanziert blieb, war ich dann der einzige Abiturient im ganzen Batallion, der kein Interesse an einer Reserveoffiziersausbildung hatte. Den Sold hätte man dadurch verdoppeln können. Ich wurde zum Vertrauensmann gewählt und dann nach 15 Monaten als Hauptgefreiter entlassen. Eine militärische Karriere war nicht mein Ziel.

Aber dennoch habe ich der Bundeswehr sehr viel zu verdanken. Ich habe den „Staatbürger in Unform“ – wie es schon bei der Gründung der Bundeswehr hieß - in der „Schule der Nation“ erlebt. So hatte Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger 1968 die Bundeswehr bezeichnet, als die Debatte begann, wegen der Wehrpflicht die Volljährigkeit auf 18 Jahre zu senken.

Mit zuerst zwölf und dann acht Mann das Zusammenleben auf einer Stube zu bewältigen war etwas anderes, als mit vier Geschwistern aufzuwachsen. Vor allem wurde mir schnell der Abiturienten-Dünkel abgewöhnt, mit dem ich das Gymnasium verlassen hatte. Im Alltag merkte ich, dass viele Kameraden viel mehr Lebenserfahrung als ich mitbrachten: Sie standen – meist als Handwerker – bereits im Berufsleben. Demgegenüber waren wir am Gymnasium in einer behüteten Welt aufgewachsen, wo wir uns mit den Herausforderungen des Lebens zwar theoretisch befasst hatten, aber tatsächlich kaum damit konfrontiert waren.

Seitdem stehe ich dem Begriff „höhere Bildung“, den Akademiker so gerne für sich in Anspruch nehmen, sehr skeptisch gegenüber. Sie unterscheiden sich von Handwerkern oder Facharbeitern nicht durch „höhere Bildung“, denn bei vielen alltäglichen Herausforderungen wie dem Reparieren eines Autos, dem Schlachten eines Schweines oder dem Fahren eines Zuges sind sie quasi Analphabeten.

Dass es bei unterschiedlichen Lebenswegen um eine andere Bildung geht, die sich nicht einfach in „höher“ oder „geringer“ abstufen lässt, habe ich während meines Wehrdienstes schnell gelernt. Mir war es nämlich z.B. beim Klettern in den Bergen lieber, wenn mich der praktisch erfahrene Bäckergeselle sicherte und nicht der theoretisch versierte Abiturient. Während wir Gymnasiasten in der Grundausbildung bei einem anstrengenden Marsch diskutierten, wie lange jeder den Rücksack eines Kameraden tragen sollte, der nicht mehr konnte, hatten sich die lebenserfahrenen Kameraden längst den Rucksack geschnappt.

Wenn wir als „Staatsürger in Uniform“ im „staatsbürgerlichen Unterricht“ zum Beispiel darüber diskutierten, wie es zur NS-Diktatur kommen konnte und was die Werte des Grundgesetzes ausmacht, war die praktische Lebenserfahrung der Nicht-Gymnasiasten wichtiger als manche angelesene „Erkenntnis“ der Abiturienten. Kurz gesagt: Die Bundeswehr hat mir als „Schule der Nation“ die Gleichwertigkeit aller Menschen und Begabungen ganz konkret vor Augen geführt und mich dadurch wesentlich geprägt.

Und der Wehrdienst war auch eine im Nachhinein wichtige „Zwangspause“ vor der Entscheidung über die gewünschte berufliche Laufbahn. Mir wurde z.B. klar, dass ich mit meinem überschaubaren Talent als Berufsmusiker nicht glücklich werden würde. Ich musste mir also über Alternativen im Klaren werden. Wenn wir heute fast ein Drittel Studienabbrecher haben, hat das vielleicht auch damit zu tun, dass vielen eine Reflexionsphase zwischen Abitur und Studium fehlt. Vielleicht würden auch mehr junge Abiturienten eine handwerkliche Ausbildung wertschätzen, wenn sie Menschen aus diesem Bereich besser kennenlernen könnten.

Auch wenn ich mich damals gefreut hätte, wenn mir der Wehrdienst erspart geblieben wäre, bin ich seitdem froh über diese Zeit. Sie hat meinen Horizont erweitert und die Erfahrungen des Wehrdienstes haben mir in vielen Herausforderungen des Lebensalltags geholfen – es war eben eine „Schule der Nation“. Auch deshalb befürworte ich heute eine mit der Volljährigkeit einsetzende allgemeine DienstPFLICHT für junge Leute jeden Geschlechts.

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