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DIE NOTBREMSE BEI DER BEETHOVENHALLE

ist die einzige verantwortbare Entscheidung, denn die Luxussanierung ist aus dem Ruder gelaufen bevor sie wirklich begonnen hat: Die Kosten explodieren, der Zeitplan wackelt und die Bürger haben sich längst abgewandt.
DIE NOTBREMSE BEI DER BEETHOVENHALLE

 

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Stephan Eisel

Beethovenhalle:
Kosten explodieren, Zeitplan wackelt,
Bürger wenden sich ab

Die Bonner Bürger haben sich längst von der Beethovenhalle abgewandt. Die alte Mehrzweckhalle wird von kaum jemanden vermisst: Private Investoren wollen mit Unterstützung der Stadt auf dem ehemaligen Schlachthofgeläde für Rock- und Popkonzerte zwei Hallen mit 1750 bzw. 500 Plätzen er­richten, das WCCB und verschiedene Hotels bieten Tagungs- und Veranstal­tungsräume unterschied­lichster Größ an, das Beethoven Orchester Bonn spielt ab der nächsten Saison in der Oper, die tradi­tionellen Karnevalsveranstaltungen haben längst im Maritim eine neue Heimat gefunden und in der Kategorie „Mehrzweckhalle“ gibt es zudem das städti­sche Angebot des Brückenforums und der Go­desberger Stadthalle. Es ist kein Zufall, dass ein Betriebskonzept für die Beethovenhalle immer noch nicht vorliegt.

Zudem hat sich an der Spendenaktion für die Beethovenhalle praktisch niemand beteiligt: Im Dezem­ber 2015 hoffte der Rat noch (per Beschluss) auf Spenden aus der Bürgerschaft in Höhe von 10 Mio. Euro. Gefolgt sind dem Aufruf bisher lediglich 177 Spender (Stand 8.7.2017). Die auf diesem Weg ein­gesammelte Summe dürfte trotz mehrerer von der Stadt finanzierten öffentlicher Plakataktionen bei weniger als 0,5 Prozent der erhofften Summe liegen.

Zugleich kommen fast im Wochentakt immer neue Meldungen über eine sich beschleunigende Kos­tenexplosion: Ohne dass substantielle Baumaßnahmen begonnen hätten, stiegen die prognostizier­ten Kosten seit dem Sanierungsbeschluss um durchschnittlich eine Mio Euro monatlich:

07.04.2016 (Drs. 161 1089): 53,4 Mio Euro
22.09.2016 (Drs. 161 2370): 59,9 Mio Euro
19.01.2017 (Drs. 171 0337): 61,5 Mio Euro
26.05.2017 (Drs. 1711685): 64,0 Mio Euro
15.06.2017 (Stadtdir. Fuchs im GA): 66,5 Mio Euro
27.062017 (Drs. 1711685ST2): 70,6 Mio Euro

Kaum hatte der Rat in seiner Sitzung am 7. Juli 2017 die letzte Kostensteigerung ohne nennenswerte Gegenwehr zur Kenntnis genommen, meldete der General-Anzeiger am 8. Juli, dass eine einzige Spezialtief­baufirma weitere Zusatzkosten verursacht: Sie erhält den Auftrag, obwohl er um etwa 1,2 Mio Euro über dem von der Verwaltung geschätzten Angebotsvolumen liegt. Der als Pro­jektleiter er­kennbar überforderte Stadtdirektor Fuchs hechelt diesen Entwicklungen hilflos hinterher.

Das zeigt auch beim Verwirrspiel um den Zeitplan. Im Blick auf das Beethoven-Jubiläum 2020 wurde von der Stadt bisher als Fertigstellungstermin der Baumaßnahmen immer der 2.11.2018 genannt. Die Ratsvorlage 1711685ST2 stellte dies am 27. Juni 2017 nun mit Konsequenzen für das Beethoven-Ju­biläum offiziell in Frage. Wörtlich heisst es dort: „Die Projektleitung wird daher insbesondere die Fra­gen prüfen lassen, ob ein Verzicht auf geplante Funktionalitäten nennenswerte Einsparungen im Hin­blick auf Projektkosten oder Projektdauer erwarten lassen. Ebenfalls soll bewertet werden, ob ein Bauherrenseitiges „Ausdehnen“ des Zeitplanes denkbar wäre, um durch eine Entzerrung der Vergabe­prozesse wirtschaftlichere Angebote erhalten zu können. Da dies aufgrund der nach der Fertigstellung der Halle notwendigen Einpegelung und Einregulierung zwangsläufig Auswirkungen auf den Nut­zungsstart haben dürfte, werden hierbei auch die Konsequenzen für das Beethovenfest 2019 und das Beethovenjubiläumsjahr 2020 dargestellt.“

Zwischen den drei Hauptbeteiligten (Objektplaner: Nieto Sobejano Arquitectos GmbH, Madrid/Ber­lin, Objektsteuerer: Drees und Sommer GmbH, Köln, Objektleiter: Stadtdirektor Fuchs, Bonn) gibt es erhebliche Konflikte. Der Objektplaner teilte eine fünfmonatige Zeitverzögerung mit, der Objekt­steuerer bestreitet das, der Projektleiter teilt nach „Krisengespräch“ die Fertigstellung „wahrschein­lich im Dezember 2018“ mit – also zwei Monate als bisher geplant – und zwar bevor nenennswerte Bauarbeiten überhaupt begonnen haben. Das Vertrauensverhältnis zwischen den Beteiligten wird da­durch treffend beschreiben, dass die Verwaltung schon vor dem tatsächlichem Baubeginn dem Rat mitgeteilt, man prüfe „ob die Stadt möglicherweise auch Schadensersatzansprü­che gegenüber dem Objektplaner realisieren kann.“

Obwohl jeder weiß, daß der bisher verkündete Zeitplan per dieser aufwendigen Sanierung im Altbau ebensowenig realistisch ist wie die Hoffnung auf stabile Kosten, verschließt der Rat bisher die Augen vor dem Desaster und steuert die Stadt im Tempo in die Sackgasse eines Millionengrabes. Dazu kommt ein Sanierungsbedarf von weit über 75 Mio Euro beim 53 Jahre alten Operngebäude.

Angesichts dieses Desasters ist es Zeit für eine Notbremsung: Es ist noch möglich, die Maß­nahmen bei der Beethovenhalle so abzuspecken, dass dort entspre­chend dem ursprünglichen (vom Rat leider abgelehnten) Vorschlag von OB Sridharan bis 2020 nur die Betriebssicherheit erhalten wird. Das wäre mit wenigen Millionen finan­zierbar. Nach 2020 könnte man dann mit dem Abriss der Beethovenhalle an gleicher Stelle wie z. B. in Baden-Baden oder Bregenz einen – inzwischen vorberei­teten – gemeinsamen Neubau für Konzerte und Oper errichten. Nach dessen Fertigstel­lung und dem folgenden Abriss der Oper wäre für die Stadt die Ver­marktung des lukrativen Opern­geländes an der Kennedybrücke möglich. Das nord­rhein-westfälische Denkmalschutzgesetz lässt dies ausdrücklich zu.

Die Vorteile dieses Konzeptes liegen auf der Hand:

  • Die sicherlich bei weit über 150 Millionen Euro liegen­de und unkalulierbare finanzielle Dop­pellast der Sanierung von Beethovenhalle und Oper wäre vermieden und stattdessen mit ei­nem Teil dieses Betrages ein modernes Gebäude zu erstellen.
  • Eine integrierte Lösung würde die Betriebskosten re­duzieren (ein Gebäude statt zwei).
  • Die Vermarktung des Operngrundstücks würde Geld in die Stadtkasse bringen.
  • Bonn käme endlich zu einem Konzertsaal, der der Beethovenstadt angemessen wäre.

Bei der Neuordnung der Bäderlandschaft – ein moderner Neubau statt der Sanie­rung zweier alter Schwimmbäder (!) - hatte der Rat den Mut für eine solche Zukunftsentscheidung und erhielt dafür sogar die Rückdeckung der Mehrheit bei ei­nem Bürgerentscheid erhalten. Das sollte für die Betei­ligten eine Ermutigung sein, auch bei den Kulturgebäuden ihre Verzagtheit zu überwinden.

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