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DAS DAUER-DEBAKEL BEETHOVENHALLE

04. Juni 2022
muss endlich beendet werden. Wenn Rat und Verwaltung nicht die Kraft finden, die denkmal-gerechte Luxussanierung radikal abzuspecken, wird das Desaster weitergehen. Sinnvoll wäre ein Zukunftswurf mit einem Haus der Musik für alle.
DAS DAUER-DEBAKEL BEETHOVENHALLE

Wieder hat die Verwaltung dem Rat eine Kostensteigerung von 3 Mio € innerhalb von 3 Monaten mitgeteilt. Die Fertigstellung ist jetzt für frühestens April 2025 vorgesehen - obwohl wichtige Gewerke nicht einmal beauftragt sind.

Bonner Grüne verlieren erstmals Abstimmung zur Beethovenhalle

Im Bonner Stadtrat wurden am 9. Juni 2022 erstmals seit Projektbeginn die Grünen bei der Luxussanierung Beethovenhalle überstimmt. Bisher hatten sie immer ihre Koalitionspartner (bis 2021 CDU und FDP,  seitdem SPD, Linke und Volt) zum Mitmachen bei dem unsinnigen Projekt überredet. 

Die CDU hatte 2021 eingeräumt, dass der Sanierungsbeschluss ein Fehler war. Im März 2022 stellte sie einen Dringlichkeitsantrag im Rat, der auf Betreiben der Grünen ihm April und Mai vertagt wurde, aber jetzt am 9. Juni gegen Grüne, Linke, Volt und  OB Dörner, bei Enthaltung SPD und RheinGrün von CDU,FDP und BBB beschlossen wurde. In dem Beschluss  heißt es:

„Aufgrund der neusten Kostensteigerungen um rund 20 Mio. Euro und dem weiterhin Nichtvorliegen eines Konzeptes, wie die Baustelle der Beethovenhalle zu einem positiven Ende geführt werden kann, wird die Verwaltung beauftragt schnellstmöglich, spätestens jedoch bis zur diesjährigen Sommerpause, Alternativszenarien zur Fertigstellung der Beethovenhalle bis spätestens 2024 vorzulegen. Hierbei ist schlüssig darzustellen, ob ein Weiterbau (Baubegleitende Planung) oder ein temporärer Baustopp (Weiterbau nach Beendigung der Planung) in Hinblick auf das Ziel der Fertigstellung, die Kosten und die Zeitschiene sowie die Rechtsrisiken zielführend ist.“ 

Allerdings vollzog die Bonner SPD nur drei Tage nach diesem Beschluss einen radikalen Kurswechsel und stimmte am 13. Juni allen grünen Vorlagen zur Fortsetzung des bisherigen Kurses zu.

 

Den folgenden Text können Sie hier ausdrucken. 

Stephan Eisel
Konsequenzen aus dem Debakel Beethovenhalle ziehen:

Neuer Beethoven-Campus als Kulturzentrum für alle

Auch sieben Jahre nach Beginn der Maßnahme bleibt die Luxussanierung der Beethovenhalle ein Debakel für die Stadt. Im Juni 2022 teilte die Stadtverwaltung dem Rat mit, dass die Kosten innerhalb von drei Monaten wieder um drei Millionen gestiegen sind und sich die Fertigstellung von Juni 2024 auf April 2025 verzögert - wobei nach Angaben der Stadtverwaltung auch dieses Datum "volatil" ist.

In einer vertraulichen Verwaltungsmitteilung, aus der der GA am 4.6.2022 zitierte, heißt es, dass „unvollständige oder mangelhafte Pläne“ die ausführenden Firmen bei Trockenbau, Heizung und Lüftung „blockieren“, der Honorarstreit mit den Hauptbeteiligten immer noch nicht beigelegt ist, wichtige Rohbauarbeiten noch nicht vergeben sind, die beauftragte Firma den Elektrotechnik-Auftrag wegen der Bauverzögerungen zurückgegeben hat und Ersatz dafür noch nicht gefunden sei. Wenn Rat und Verwaltung nicht die Kraft finden, die denkmalgerechte Luxussanierung radikal abzuspecken, wird das Desaster weitergehen.

2012 hatte die Stadtverwaltung einen Sanierungsaufwand von nur 29,8 Mio € angegeben. Drei Jahre später waren es zum Baubeginn schon 60 Mio € und schon 2019 wurde die 100-Mio-Grenze überschritten. Anfang 2021 war seitens der Verwaltung von „zerrüttenden Verhältnissen“ auf der Baustelle die Rede. Von der Stadt beauftragte und bezahlte Planungsbüros stellen nach städtischen Angaben „derzeit nicht die für einen ungestörten Bauablauf erforderliche Planung zur Verfügung“. Trotz mehrfacher Optimierung kann beispielsweise die Saaldecke die geplante Lüftungstechnik immer noch nicht tragen.

Die von den Grünen initiierte, von einem SPD-Oberbürgermeister dem Rat vorgeschlagene und von CDU und FDP mitbeschlossene denkmalgerechte Luxussanierung der maroden Mehrzweckhalle hat sich zum immer tieferen Millionengrab entwickelt und ist die ärgerlichste kommunalpolitische Fehlentscheidung der jüngeren Stadtgeschichte. Jetzt kommt es darauf an, endlich Konsequenzen aus diesem Debakel zu ziehen:

Beethovenhallen-Sanierung radikal abspecken und Denkmalschutz aufheben
Bisher sind nur 40 Prozent der für die Sanierung geplanten Bausumme tatsächlich verbaut. Weitere 35 Prozent sind zwar beauftragt, aber noch stornierbar. Das ist selbst bei ev. Konventionalstrafen billiger als die bisherige Haltung „Augen zu und durch“. Für ein Viertel der Bausumme gibt es nach sieben Jahren noch nicht einmal Aufträge. Die Stadt nennt das „hohe Prognoseunsicherheit“. Ein radikaler Schnitt ist also nicht nur möglich, sondern auch sinnvoll. Das gilt auch für den Denkmalschutz, der ebenso aufgehoben werden kann wie er Mitte der 90er Jahre zustande kam – durch Ratsbeschluss. Im Artikel 9 des NRW-Denkmalschutzgesetzes ist ausdrücklich geregelt, dass dies möglich ist, wenn „ein über­wiegendes öffentliches Interesse“ vorliegt.

Beethovenhallen-Fehler nicht wiederholen und Oper nicht im Bestand sanieren

Schon ohne Gutachten über die Bausubstanz veranschlagen städtische Schätzungen für eine Sanierung des alten Operngebäudes 130 Mio €. Tatsächlich muss man nach den Erfarungen bei der Beethovenhalle mit bei der Oper mit Sanierungskosten von mindestens 400 € Euro rechnen. Es ist kein Zufall, dass sich mit Düsseldorf und Frankfurt auch in jüngster Zeit wieder wichtige Städte für einen Neubau ihrer Oper statt einer Bestandssanierung entschieden haben. Völlig illusorisch ist die von der grünen Ratskoalition angestrebte Sanierung bei laufendem Betrieb. Dazu ist das Gebäude viel zu marode. Immerhin hat der Rat zwischen ein Gutachten zur „Sanierungsfähigkeit“ der Oper in Auftrag gegeben. Das Ergebnis wird voraussichtlich alle Sanierungsüberlegungen beerdigen.

Chancen für einen Neubau als Musikzentrum für alle nutzen

Ein neues Bürgerzentrum für Kultur wäre erheblich sinnvoller als die teure Sanierung maroder Altbauten. Ein solcher Neubau hätte auch niedrigere Betriebskosten und könnte moderne Standards der Umweltverträglichkeit erfüllen. In Florenz entstand 2014 ein solcher Neubau als integriertes Opern- und Konzerthaus für 140 Mio € – mit großem Saal (1.800 Plätze), kleinen Saal (1000 Plätze) und einer Freiluftbühne mit 2000 Plätzen.

Ein solches „Haus der Musik“ könnte Oper, Konzerten aller Sparten und Kulturevents verschiedener Art eine Heimat bieten. Man könnt es z. B. vor der Beethovenhalle bauen, die sich dann abgespeckt als Foyer und Probenraum nutzen lässt. Ein solches Konzept könnte auch ein gravierendes Problem heben, das sich heute stellt: Das Bonner Opernhaus ist nur geöffnet, wenn es Vorstellungen gibt. Die meiste Zeit wirkt es mit seiner Umgebung wie ein verlassener Ort – auch wenn im Innern der Probenbetrieb läuft. Diese räumliche Isolation der Oper ist fast symbolisch für die von interessierter Seite immer wieder behauptete Distanz der Oper zur Bürgerschaft. Es ist aber kein Zufall, dass von 40 deutschen Städten mit mehr als 200.000 Einwohnern 39 eine Oper haben. Die Ausnahme ist Bochum, wo es aber einen modernen Konzertsaal gibt.

In Bonn so die Zukunft der Oper gesichert und das Manko des fehlenden Konzertsaals in der Beethovenstadt behoben werden. Eine solche Lösung hat auch die von der Stadt 2018 in Auftrag gegebene Untersuchung des auf Kulturberatung spezialisierten Unternehmens actori empfohlen. Es wurden sechs verschiedene Szenarien untersucht und sowohl finanziell als auch ideell („Zukunftsfokus“) bewertet. Dabei schnitt die Variante „Neubau Mehrspartenhaus vor der Beethovenhalle (Beethoven-Campus“) doppelt so gut ab wie eine Sanierung der alten Oper.

Die actori-Untersuchung unterstreicht die vielen Vorteile eines Neubaus für Bonn, denn er würde 

  • den tatsächlichen Bedürfnissen in Bonn angepasst werden können,
  • verlässlicher zu planen sein als Sanierungen im Bestand,
  • dem neuesten technischen Standard entsprechen und so u. a. Energiekosten sparen
  • und vor allem eine Öffnung zur Bürgerschaft ermöglich, die kulturelle Institutionen brauchen, wenn sie wirken und zugleich von den Menschen getragen sein wollen.

So könnte in Bonn ein Bürgerzentrum für Kultur entstehen, das der Oper ein neue Heimat bietet, endlich den in der Beethovenstadt so schmerzlich vermissten Konzertsaal ermöglicht und als offenes Bürgerzentrum für alle Kultur den Menschen näher bringt. Für ein solches Projekt ließe sich auch die Stadtgesellschaft mobilisieren, die sich frustriert zurückgezogen hat, nachdem Rat und Verwaltung 2015 das im Bau völlig privat finanzierte und im Betrieb weitgehend vom Bund getragene Beethoven-Festspielhaus scheitern ließen.

Wenn die Bonner Kommunalpolitik diesen Mut zur Zukunft nicht aufbringt, wird sie die Bürgerschaft einmal mehr enttäuschen, Politik, die nur verwaltet und nicht gestaltet, landet letztlich immer in der Sackgasse.

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