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HELMUT KOHL HAT ZUM JUBILÄUM

der Wiedervereinigung ein großes Interview gegeben. Er nimmt zur Entwicklung der deutschen Einheit ebenso Stellung wie zur Zukunft der europäischen Einigung. Lesen Sie das Interview hier und vergleichen Sie anhand von Fotos, was sich seit 1990 im Blick auf "blühende Landschaften" getan hat.
HELMUT KOHL HAT ZUM JUBILÄUM

"Blühende Landschaften ?" Sehen Sie selbst im Vergleich 1990 - 2010 hier.

Helmut Kohl sagte zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit  u. a.

  • zur Entwicklung der inneren Einheit: "Zwanzig Jahre Einheit stehen hier gegen den doppelten Zeitraum von über vierzig Jahren Misswirtschaft und Stasi-Spitzelstaat. Es ist erschreckend, wie dies im Zeitablauf in Vergessenheit zu geraten droht und die DDR geradezu verniedlicht wird."

  • zur "Ostalgie":
    "Was mir allerdings Sorge macht in diesem ­Zusammenhang, das ist die zunehmende Beschönigung der DDR. Um es klar zu sagen: Die DDR war ein Unrechtsstaat. Wer etwas anderes behauptet, hat aus der Geschichte nichts, aber auch gar nichts gelernt.

  • zur europäischen Einigung:
    "Dabei fehlt es nicht an Gestaltungsmöglichkeiten, um es klar zu sagen, sondern es fehlt vielmehr am Gestaltungswillen. Die Einsicht der europäischen Völker, sich in der Europäischen Union wirtschaftlich und politisch zusammenzuschließen, gehört offenbar nicht mehr zur Staatsräson einiger führender europäischer Politiker."

DAS INTERVIEW in voller Länge (BILD-Zeitung 1. Oktober 2010)

"Wo sind die blühenden Landschaften, Herr Bundeskanzler?"

Zum 20. Jahrestag der Wiedervereinigung zieht der Kanzler der Einheit Bilanz nach zwei Jahrzehnten „Deutschland einig Vaterland"

Von Kai Diekmann und Daniel Biskup (Foto)

Es ist DIE Lebensleistung seiner 16 Jahre als deutscher Kanzler: Helmut Kohl und die deutsche Einheit! Aus Anlass des 20. Jahrestages der Wiedervereinigung am 3. Oktober zieht er in BILD Bilanz des Zusammenwachsens zwischen Deutschland-Ost und Deutschland-West - „ein Glücksfall in der

BILD: Herr Bundeskanzler, was empfinden Sie ganz persönlich, wenn wir jetzt den 20. Jahrestag der deutschen Einheit feiern?Kohl: „Ich empfinde großes Glück und tiefe Dankbarkeit, dass wir die deutsche Einheit zu meinen Lebzeiten in Frieden und Freiheit und mit Zustimmung unserer Partner und Nachbarn erreicht haben und dass ich als Bundeskanzler den Lauf der Geschichte an dieser Stelle mitlenken und mitgestalten durfte."

BILD: Für die Menschen und in den Geschichtsbüchern sind Sie der „Kanzler der Einheit". Macht Sie das glücklich und stolz?
Kohl: „Das Ergebnis - das wiedervereinte Deutschland - ist es, was mich mit Glück und Dankbarkeit und auch, wenn Sie so wollen, ein Stückweit mit Stolz und Genugtuung erfüllt, nicht der Eintrag ins Geschichtsbuch."

BILD: Sie haben 1989/90 „blühende Landschaften" versprochen. Sind Sie enttäuscht, wenn Sie heute zum 20. Jahrestag der deutschen Einheit in die neuen Länder blicken?
Kohl: „Nein, ich bin nicht enttäuscht, ich freue mich über das Erreichte. Die neuen Bundesländer haben seit 1989/90 große Fortschritte gemacht und enorm aufgeholt. Und auch bei der inneren Einheit sind wir weit vorangekommen. Sicher geht alles langsamer, als wir es uns damals vorgestellt haben. Gerade auch die innere Einheit dauert länger als gedacht. Das ist aber alles eine Frage der Zeit, das ist absehbar. Und wir wollen bitte nicht vergessen: Zwanzig Jahre Einheit stehen hier gegen den doppelten Zeitraum von über vierzig Jahren Misswirtschaft und Stasi-Spitzelstaat. Es ist erschreckend, wie dies im Zeitablauf in Vergessenheit zu geraten droht und die DDR geradezu verniedlicht wird."

BILD: Wie werden die Deutschen sich in weiteren 20 Jahren an die Wiedervereinigung erinnern: Als „Anschluss" der DDR, wie Herr Platzeck es gern hätte?
Kohl: „In weiter Zukunft werden sich die Deutschen an die Wiedervereinigung als einen Glücksfall in der deutschen Geschichte erinnern und vor allem stolz auf die friedliche Revolution und die friedliche Vereinigung sein, dessen bin ich mir sicher. Ob das schon in 20 Jahren so weit sein wird, weiß ich nicht, aber es wird mit zunehmendem Abstand sicher so sein. Das Wort „Anschluss" wird in diesem Zusammenhang niemand mehr verwenden, das ist historisch auch ganz abwegig. Die Menschen in der DDR haben bei der ersten freien Volkskammerwahl im März 1990 mit großer Mehrheit klar für die Wiedervereinigung gestimmt. Und die Menschen im Westen Deutschlands haben Solidarität mit den Deutschen in der DDR bewiesen. Ich denke nur an den Umtauschkurs der D-Mark zur DDR-Mark von eins zu eins bzw. eins zu zwei. Was habe ich dafür Prügel gekriegt! Dabei zielte mein ganzer Einsatz für den günstigen Umtauschkurs darauf, den Menschen in der DDR das Gefühl zu geben, dass wir ihnen auf Augenhöhe begegnen wollten. Das kann man heute alles kleinreden, aber das wird historisch keinen Bestand haben. Was mir allerdings Sorge macht in diesem ­Zusammenhang, das ist die zunehmende Beschönigung der DDR.
Um es klar zu sagen: Die DDR war ein Unrechtsstaat. Wer etwas anderes behauptet, hat aus der Geschichte nichts, aber auch gar nichts gelernt. Und wenn dies gar jemand tut, der in der DDR aufgewachsen ist und dort gelebt hat, dann frage ich mich schon, warum er die offenkundige Unfreiheit offenbar als solche nicht empfand und warum er Bautzen oder ­Hohenschönhausen nicht als ständige Bedrohung ­verspürte."

BILD: Gilt das auch für Lothar der Maizière, den letzten Ministerpräsidenten der DDR, der sich ähnlich geäußert hat? 
Kohl: „Ach, wissen Sie. Das ist so ein Beispiel eines verbitterten Menschen, der in der Bundesrepublik Deutschland nie angekommen ist. Schad´ für die Zeit, darüber überhaupt zu reden."

BILD: Machen Sie sich Sorgen um Deutschland?
Kohl: „Ja und nein. Nein, weil Deutschland von Grund auf ein gesundes Land ist. Wir stehen im Vergleich mit anderen Ländern ja auch keineswegs so schlecht da, wie wir uns selber kleinreden. Deutschland ist Exportnation, „Made in Germany" hat weltweit einen guten Klang. Ob das so bleibt und ob wir die anstehenden Herausforderungen bewältigen, kommt darauf an, was wir selbst aus unserem Potenzial machen. Und ja zu Ihrer Frage, weil wir mit viel zu viel Aufgeregtheit über Unwichtiges diskutieren und weil wir überhaupt viel zu viel öffentlich zerreden, statt die Dinge anzupacken."

BILD: Was macht Sie ­konkret skeptisch?
Kohl:
„Die Schere, die in Deutschland immer weiter auseinanderzuklaffen droht, schon bei der jungen Generation. Wir haben einerseits extrem aufgeweckte, neugierige und selbstbewusste junge Menschen und andererseits junge Menschen, bei denen alles fehlt. Und das ist nicht in erster Linie eine Frage des Geldes oder der sozialen Schicht, es betrifft vielmehr und ganz elementar die Frage, ob für das Kind jemand da ist, der sich um es kümmert, oder ob es sich selbst überlassen ist. Ich kann nicht erkennen, dass Geld diese Grundproblematik lösen kann. Wir brauchen Eltern, die sich kümmern, und wenn Eltern versagen, hat in der Tat der Staat - wie auch immer - eine größere Rolle zu spielen. Das soll jetzt aber bitte kein Aufruf sein zur grundlegenden Schulreform. Im Gegenteil, in unserem Schulsystem würde ich mir für Eltern, Schüler und Lehrer viel mehr Evolution statt Revolution wünschen. So revolutionär ist die Herausforderung ja schließlich auch nicht, dass wir jetzt alles anders machen müssten."

BILD: Wenn Sie auf die nächsten 20 Jahre schauen: Worüber und worauf freuen Sie sich?
Kohl: „Am 20. Jahrestag der deutschen Einheit sollten wir uns alle freuen und daraus Optimismus für die nächsten 20 Jahre schöpfen. Die Geschichte hat es mit uns auch gut gemeint. Die Generation, die wie ich den Krieg noch erlebt hat, hat Deutschland ein Fundament gegeben, auf dem nach menschlichem Ermessen in absehbarer Zeit kein Krieg stattfindet. Es war uns sogar gegeben, den Kalten Krieg und die Teilung unseres Landes, die zu den schrecklichsten Folgen des Zweiten Weltkriegs gehörten, zu unseren Lebzeiten noch zu überwinden. Das durften wir nicht erwarten. Für Deutschland und für die jetzt in Verantwortung stehende und künftige Generationen ist dies umso mehr Chance und Verpflichtung zugleich. Und das begründet für mich einen gesunden Optimismus für - wenn Sie so wollen- die nächsten 20 Jahre.
Herausforderungen gibt es in Deutschland, Europa und der ganzen Welt genug. Sie liegen auf der Straße, wir müssen sie nur anpacken. Und insoweit freue ich mich auf das, was kommt, auf spannende Themen und viel Gestaltungsmöglichkeiten."

BILD: Sie sagen „spannende Themen und Gestaltungsmöglichkeiten": Die deutsche Wiedervereinigung und das Zusammenwachsen in Europa zur Europäischen Union waren für Sie immer zwei Seiten derselben Medaille. Sehen Sie den Erfolgskurs des Jahrhundertwerks EU gefährdet - fehlen hier vielleicht Gestaltungsmöglichkeiten?
Kohl: „Ob ich die EU gefährdet sehe, muss ich auch hier wieder mit ja und nein beantworten. Nein, weil die Finanzkrise, wie wir sie gerade erleben, ja nicht der Weltuntergang ist, sondern eine bewältigbare Herausforderung. Die Krise oder besser, wie wir mit ihr umgehen, ist aber ein Symptom, das uns aufhorchen lassen muss und das mir durchaus Sorge bereitet - insoweit hier also ja, ich mache mir Sorgen. Dabei fehlt es nicht an Gestaltungsmöglichkeiten, um es klar zu sagen, sondern es fehlt vielmehr am Gestaltungswillen. Die Einsicht der europäischen Völker, sich in der Europäischen Union wirtschaftlich und politisch zusammenzuschließen, gehört offenbar nicht mehr zur Staatsräson einiger führender europäischer Politiker. Der aufkeimende Nationalismus und die zunehmende nationale Nabelschau behindern die Einigung Europas. Europa ist alternativlos, gerade auch in der Frage von Krieg und Frieden.
Das hat meine Generation nicht in der Schule lernen müssen, mit dieser Erkenntnis sind wir in Kriegszeiten gewissermaßen aufgewachsen. Und diese Erkenntnis ist also zeitlos: Europa ist ohne Alternative, die Zukunft eines jeden Landes in Europa bleibt mit der Zukunft Europas untrennbar verbunden. Wer jetzt meint, allein sei er stärker als mit der Gemeinschaft, der irrt. Sehen Sie sich doch nur um in der Welt: Wie will der einzelne Mitgliedstaat denn etwas erreichen? Das vielstimmige, uneinige Europa sollten wir endgültig zu den Akten gelegt haben. Wir sollten stattdessen gemeinsame Ideen und Vorstellungen entwickeln, wie wir das geeinte Europa weiter vorantreiben. Die vergangene Entwicklung darf uns hier durchaus ermutigen. Der Euro ist so ein Beispiel. Die aktuelle Diskussion darf nicht verdecken, dass der Euro in Wirklichkeit eine einzigartige Erfolgsgeschichte ist."

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