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KUNST UND PUBLIKUM

brauchen einander und sind zugleich in einem Spannungsverhältnis verbunden. Aber Musik, die keiner hört, ein Buch, das niemand liest, oder ein Bild, das keiner sieht, laufen ins Leere. Nur im Respekt voreinander kommen Kunst und Publikum voran.
KUNST UND PUBLIKUM

 

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Stephan Eisel

Wahlverwandtschaft oder Zwangsheirat

Wie Kunst und Publikum miteinander umgehen sollten

In regelmäßigen Abständen kommt es zu Diskussionen, inwieweit künstlerische Angebote auf das Publikumsinteresse Rücksicht nehmen sollen oder ob Desinteresse des Publikums nur ein Symptom dafür ist, dass dieses unreif für die angebotene Kunst sei. Auch das überdurchschnittlich kulturaffi­ne Bonn wird regelmäßig mit solchen Pseudo-Alternativen konfrontiert:

Als vor zehn Jahren die Totenglocke der populären Konzerte auf dem Bonner Museumsplatz zwi­schen Bundeskunsthalle und städtischem Kunstmuseum geläutet wurde, argumentierte der damalige Intendant der Bundeskunsthalle, die Konzerte und das dafür aufgebaute Zeltdach störten die „Äs­thetik“ des Museumsplatzes. Auf den Hinweis, durch die Konzerte (mit den Tickets war ein kosten­loser Museumsbesuch möglich) würden Menschen an das Kunstangebot der Museen herangeführt, meinte er, die Kunst werde aber beeinträchtigt, wenn sich Menschen dort aufhielten: am besten käme die Ästhetik des Platzes zur Geltung, wenn er menschenleer sei. Womit sich die Frage stellt: Was soll die vollkommenste Ästhetik, wenn sie niemand erlebt ?

Jüngst ließ ganz ähnlich die Intendantin des Bonner Beethovenfestes verlauten, ein gut gefüllter Konzertsaal sei kein Indiz für höchste Qualität. Natürlich ist es richtig, dass sich große Kunst auch im leeren oder spärlich besetzten Konzertsaal entfalten kann – aber ist das zuhörerarme Konzert deshalb erstrebenswert? Wer selbst ein Instrument spielt, kennt das Erlebnis des einsamen Genusses – und zugleich die Anspannung und Erfüllung, wenn andere gespannt zuhören.

Kunst ohne Publikum kann sich nicht entfalten: Sich an Kunst zu erfreuen oder sich daran zu rei­ben, Kunst als Genuss oder als Provokation, Kunst zur Entspannung oder um aufzuregen - all das und vieles mehr ist ohne Publikum nicht möglich. Wie ein Buch, das keiner liest, oder eine Rede, die keiner hört, läuft auch die Musik, die keiner hört, und das Bild, das keiner sieht, ins Leere.

Publikum ist also als Resonanzboden der Kunst unverzichtbar und kann deshalb von ihr nicht igno­riert werden. Zugleich darf sich Kunst nicht nur auf das reduzieren, was dem Publikum gefällt. Zahllos sind die Beispiele, in denen Zeitgenossen jene Kunst ablehnten, die dann Jahrhunderte überdauerte und die Menschen immer stärker faszinierte. Umgekehrt ist nicht etwas deshalb schon Kunst, weil die Menschen sich davon abwenden.

Kompliziert wird das Verhältnis zwischen Kunst und Publikum zusätzlich durch den nicht wegzu­diskutierenden Aspekt, dass Kunst finanziert werden muss. Auch dies ist publikumsabhängig – sei es direkt beim Verkauf von Eintrittskarten oder/und indirekt bei staatlichen Subventionen, die in der Demokratie keinen Bestand haben, wenn sie nicht von einer Mehrheit der Wähler getragen werden. Auch Sponsoren werden unruhig, wenn ihre Kunden sich abwenden. Kluge Politik versucht die Kulturförderung vor der Tagesstimmung zu schützen und nachhaltig anzulegen. Sie bleibt dabei aber auf die grundsätzliche Akzeptanz der Menschen angewiesen.

Im übrigen will staatliche Kunstförderung nicht nur die Unabhängigkeit der Kunst absichern, sondern sie hat auch einen sozialen Aspekt: Sie will auch finanzielle Zugangshürden für das Publi­kum abbauen – eine Hürde die rein kommerzielle Anbieter oft durch die Höhe von Eintrittspreisen errichten müssen, um sich zu finanzieren.

Es ist ein schmaler Grad, auf dem sich Kunst gegenüber dem Publikum bewegt: Auf der einen Seite liegt der Abgrund der Anpassung und auf der anderen der der Überheblichkeit. Letztlich sitzen der Künstler, der ein ihm gegenüber ablehnendes Publikum für zurückgeblieben hält, und das Publi­kum, das ihm (zunächst) fremde Kunst nur für Spinnerei hält, im gleichen dem Untergang geweih­ten Boot. Nur der Respekt voreinander bringt Kunst und Publikum zueinander und beide voran.

Man kann es auch mit Richard Wagner sagen. Er lässt in seiner Oper Die Meistersinger von Nürn­berg den Schustermeister Hans Sachs an die Meistersinger als vermeintliche Hüter „wahrer Kunst“ den Appell richten: 

„Daß jährlich zum Sankt-Johannis-Fest

statt daß das Volk man kommen läßt

herab aus hoher Meister Wolk´

Ihr selbst Euch wendet zu dem Volk

Dem Volke wollt ihr behagen,

Nun dächt' ich läg es nah,

Ihr ließt es selbst auch sagen,

ob das ihm zur Lust geschah.

Daß Volk und Kunst gleich blüh und wachs,

bestellt ihr so, mein ich, Hans Sachs."

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BUCHTIPP: 2. Auflage

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