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AM 16. JUNI 2017 IST HELMUT KOHL

13. Juni 2018
verstorben. Dass in Bonn ein Platz seinen Namen erhalten wird, ist angesichts der Verdienste des Kanzlers der Einheit und Ehrenbürger Europas um die erste Bundeshauptstadt ebenso folgerichtig wie es beispielhaft sein sollte für viele andere Städte. Gerade Bonn hat Kohl viel zu verdanken.
AM 16. JUNI 2017 IST HELMUT KOHL

 

Den folgenden Text - erschienen in DIE POLITISCHE MEINUNG -können Sie hier ausdrucken.

 

Stephan Eisel war von 1983 - 1987 Redenschreiber für Bundeskanzler Kohl und danach bis 1991 stv. Leiter des Kanzlerbüros. In seinen Funktionen u. a. als RCDS-Bundesvorsitzender, Bonner CDU-Vorsitzender und Bonner Bundestagsabgeordneter hat er darüber hinaus seit 1978 immer wieder mit Helmut Kohl zu tun. Seine Erfahrungen hat er in dem Buch HELMUT KOHL - Nahaufnahme zu Papier gebracht.

 

Stephan Eisel

Helmut Kohl in Bonn

Bonn war für Helmut Kohl die zweite Heimat. Als politisches Zentrum der Bundesrepublik Deutschland war die Stadt mehr als 30 Jahre Ausgangs- und Endpunkt seines politischen Handelns. Schon 1966 wurde er als Landesvorsitzender der rheinland-pfälzischen CDU Mitglied des in Bonn tagenden CDU-Bundesvorstandes. Als Ministerpräsident war ab 1969 der am Rhein beheimatete Bundesrat für ihn ein wichtiges Forum. Mit der Wahl zum Bundesvorsitzenden der CDU 1973 etablierte er im Bonner Konrad-Adenauer-Haus seinen Mitarbeiterstab. Ab 1976 hatte er als Oppositionsführer im Deutschen Bundestag seinen Arbeitsplatz in Bonn. Als Bundeskanzler bestimmte er von 1982 – 1998 in und aus Bonn den Takt der deutschen Innen- und Außenpolitik: Von hier wurde die politische Erneuerung Deutschlands durch die von ihm geführte Koalition der Mitte aus CDU, CSU und FDP initiiert, hier fielen die wesentlichen Entscheidungen zur Wiedervereinigung und von hier kamen wesentliche Impulse zur Festigung und Weiterentwicklung der europäische Einigung.

Der Rhein war für Helmut Kohl das Bindeglied zwischen seiner ersten Heimat Ludwigshafen und seiner zweiten Heimat in Bonn. Dazu zitierte er oft aus Carl Zuckmayers „Des Teufels General“, der gegen den Rassenwahn des Nationalsozialismus den Rhein als „Völkermühle“ und „Kelter Europas“ pries und die Ahnenreihe der hier lebenden Menschen aufzählte: „Da war ein römischer Feldhauptmann, ein schwarzer Kerl, braun wie ne reife Olive, der hat einem blonden Mädchen Latein beigebracht. Und dann kam ein jüdischer Gewürzhändler in die Familie, das war ein ernster Mensch, der ist noch vor der Heirat Christ geworden und hat die katholische Haustradition begründet. Und dann kam ein griechischer Arzt dazu, oder ein keltischer Legionär, ein Graubündner Landsknecht, ein schwedischer Reiter, ein Soldat Napoleons, ein desertierter Kosak, ein Schwarzwälder Flözer, ein wandernder Müllerbursch vom Elsaß, ein dicker Schiffer aus Holland, ein Magyar, ein Pandur, ein Offizier aus Wien, ein französischer Schauspieler, ein böhmischer Musikant - das hat alles am Rhein gelebt, gerauft, gesoffen und gesungen und Kinder gezeugt - und - und der der Goethe, der kam aus demselben Topf, und der Beethoven und der Gutenberg, und der Matthias Grünewald und - ach was, schau im Lexikon nach. Es waren die Besten, mein Lieber! Die Besten der Welt! Und warum? Weil sich die Völker dort vermischt haben. Vermischt - wie die Wasser aus Quellen und Bächen und Flüssen, damit sie zu einem großen, lebendigen Strom zusammenrinnen. Vom Rhein - das heißt: vom Abendland.“

Als Helmut Kohl am 1. Juli 1999 seine letzte Rede im Deutschen Bundestag im Bonner Plenarsaal hielt, sagte er im Blick auf den anstehenden Berlin-Umzug: „Wir haben heute allen Grund, an diesem Tag der Stadt und der Region Bonn für diesen Dienst an unserer Nation zu danken. In der deutschen Geschichte hat es viele politische Zentren gegeben. Bonn wird künftigen Generationen als Wiege der zweiten deutschen Demokratie, des freiheitlichsten, humansten und sozialsten Staatswesens, das es je auf deutschem Boden gegeben hat, in Erinnerung bleiben.„ Er kritisierte, dass mache den Eindruck erwecken mit dem Berlin-Umzug „sei der Staat des Grundgesetzes eine abgeschlossene Episode, sozusagen eine Art kurzer historischer Ausnahmezustand, der jetzt zu Ende geht. Diese Sicht ist falsch. Wir gehen nach Berlin, aber nicht in eine neue Republik. Schon deshalb sollte man darauf verzichten, von “Berliner Republik„ zu reden.“

Keinerlei Verständnis hatte Helmut Kohl dafür, dass sein Nachfolger Gerhard Schröder damals sagte: „Ich werde Bonn nicht vermissen.“ Kohl tat sich auch mit der Bonn-Berlin-Entscheidung schwer. Erst am 23. April 1991 – der Hauptstadtstreit tobte schon fast ein Jahr – gab er sich nach „langem Schweigen“ (Handelsblatt) und „langem Zögern“ (Welt) vor der CDU/CSU-Bundestagsfraktion als Berlin-Befürworter zu erkennen und fügte zugleich hinzu, das Verteidigungsministerium und einige andere Regierungsteile sollten in Bonn verbleiben und alle begonnen Bundesbauten in Bonn sollten zu Ende geführt werden.

Die Rede, die Helmut Kohl dann am 20. Juni 1991 vor der Abstimmung im Bundestag hielt, war trotz des klaren Berlin-Votums auf Ausgleich bedacht: „Wir können diese Entscheidung nur guten Gewissens – jeder für sich allein – treffen, wenn wir uns auch dazu bekennen, dass diesen beiden Städten und Regionen dann unsere besondere Sorge zu gelten hat. Das gilt auch dann, wenn es ins Detail geht und schwierige Entscheidungen anstehen.“ Nach der für Bonn verlorenen Abstimmung hielt er Wort und setzte sich persönlich für den sog. „Bonn-Ausgleich“ und die „faire Arbeitsteilung“ im Berlin-Bonn-Gesetz ein. Auf seine Initiative wurde das im Gesetz durch den neuen Titel „Bundesstadt“ für Bonn dokumentiert. In seiner Regierungserklärung für die Legislaturperiode 1994–1998 am 23. November 1994 unterstrich er nochmals: „Es scheint mir wichtig zu sein, einmal mehr daran zu erinnern, dass der Umzugsbeschluss zwei Teile hat. Wir stehen auch in der Verpflichtung gegenüber Bonn, das in vierzig Jahren unsere freiheitliche Demokratie wesentlich mitgeprägt hat. Das sollten wir nie vergessen.“

Als ich Helmut Kohl als Bonner Bundestagskandidat der CDU am 26. Februar 2002 in Berlin besuchte, fragte ich ihn, ob er meinen Aufruf „Bonn als Symbol für 50 gute Jahre deutscher Geschichte“ als Erstunterzeichner unterstützen könne. Helmut Kohl sagte nicht nur sofort zu, sondern redigierte direkt selbst meinen Textentwurf und erstellte die endgültige Version des Aufrufs: „Die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ist in besonderer Weise eng verbunden mit Bonn als langjährigem Sitz von Bundestag, Bundesregierung, Bundesrat und Bundespräsident. Bonn ist als Stadt des Grundgesetzes Symbol für 50 gute Jahre deutscher Geschichte und steht für Demokratie, Soziale Marktwirtschaft, europäische Einigung und die Integration Deutschlands in die Wertegemeinschaft des Westens. Auch die wesentlichen Entscheidungen bei der Wiedervereinigung unseres Vaterlandes bleiben mit Bonn verbunden. Auch nach dem Umzug von Parlament und Regierung nach Berlin steht Bonn unverändert für das Fundament, auf dem die Zukunftsgestaltung unseres Landes gründet. Es bleibt daher eine wichtige Aufgabe für uns alle, die Tradition und Geschichte unserer Bundesrepublik Deutschland in der Bundesstadt Bonn nachhaltig zu pflegen und lebendig zu gestalten und zugleich in Deutschland das Bewusstsein wach zu halten, dass Bonn der Geburtsort unserer Republik war. Dabei geht es - gerade auch für die kommenden Generationen - um unser Verständnis von Geschichte und demokratischer Tradition.“

Es ist also kein Zufall, dass man heute dem Erbe von Helmut Kohl in Bonn auf Schritt und Tritt begegnet. Schon vor der Wiedervereinigung sorgte Kohl bei der von ihm mit dem Poststrukturgesetz vom 1. Juli 1989 ("Postreform I") eingeleiteten Privatisierung von Post und Fernmeldewesen dafür, dass die künftigen getrennten Unternehmen in den Bereichen Postdienst, Postbank und Telekom ihren Sitz in Bonn behalten. Er wollte die Bodenhaftung dieser Unternehmen sicherstellen und hielt nichts davon, wenn sie sich in Metropolen wie Hamburg, Frankfurt oder München ansiedeln. Heute hat deswegen nicht nur die Deutsche Postbank AG mit über 5 Mio Kunden ihren Sitz in Bonn, sondern auch die weltweit agierenden Konzerne Deutsche Post DHL und Deutsche Telekom mit T-Mobile werden aus Bonn geführt.

Helmut Kohl sorgte auch dafür, dass die von ihm bereits 1983 auf den Weg gebrachten Museen „Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“ und „Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland“, deren Bau kurz vor der Wiedervereinigung begonnen hat, in Bonn fertig gestellt wurden und wehrte alle Versuche der Verlagerung nach Berlin ab.

Dass Bonn heute UN-Stadt ist, geht ebenso auf Helmut Kohl zurück. Er setzte sich dafür nachdrücklich ein und konnte als Bundeskanzler 1996 das Weltklimasekretariat und das UN-Freiwilligen-Programm in Bonn willkommen heißen. Heute sind auf dem Bonner UN-Campus 19 UN-Sekretariate versammelt.

Helmut Kohl initiierte auch den Umzug der Deutschen Welle aus Köln in die Bonner Schürmann-Bauten, die ursprünglich als Abgeordnetenbüros gedacht waren. Trotz massiver Schäden durch das Rheinhochwasser 1993 setzte er die Fertigstellung durch. Heute produziert der deutsche Auslandssender dort mit Mitarbeitern aus 60 Nationen täglich multimediale Informationsangebote in 30 Sprachen.

Kohl hatte sich sehr nachdrücklich dafür eingesetzt, dass die vom Bund bereit gestellten Mittel für den Bonn-Ausgleich nicht für kurzfristiges Feuerwerk verwendet werden, sondern für nachhaltige Strukturen. Dazu gehörte – zunächst gegen den Widerstand der Deutschen Bahn - die ICE- und S-Bahn-Anbindung des Flughafens Köln/Bonn, der auf Kohls Initiative seit 1994 den Namen Konrad-Adenauers trägt. Ein Drittel der Ausgleichsmittel wurden auf Kohls persönliches Drängen als Stiftungsvermögen für das „Center for Advanced European Studies and Research“ (CAESAR) festgelegt, das außerhalb des festgefahrenen deutschen Hochschulrechts im internationalen Forschungswettbewerb neue Akzente setzen sollte.

Dass in Bonn auf Beschluss des Stadtrates zum ersten Todestag von Helmut Kohl – dem nach den städtischen Regeln frühestmöglichen Zeitpunkt – ein prominenter Platz seinen Namen erhalten wird, ist angesichts der Verdienste des Kanzlers der Einheit und Ehrenbürger Europas um die erste Bundeshauptstadt ebenso folgerichtig wie es beispielhaft sein sollte für viele andere Städte.

 

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Die Presse zum Buch:
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unbedingt lesenswert" + "verfasst von einem Mann mit genauem Blick in die Kulissen der Macht" + "ausgewogen" + "anschaulich" + "persönlich, direkt, ganz nah dran" + "schildert Kohls Charakter-züge" + "spannende Hinter-gründe" + "keine undifferen-zierte Schwärmerei"
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