Unmittelbar und persönlich
von Tilman Mayer
Der Untertitel von Stephan Eisels Buch über Kohl lautet „Nahaufnahme", und das trifft den Beitrag voll und ganz.
Eisel hat als Redenschreiber Kohls diesen unmittelbar im Aktivitätszentrum des Bonner Kanzleramtes erlebt und hat klugerweise damals einiges für sich notiert und protokolliert. So entstehen in der Tat Nahaufnahmen, die dazu beitragen werden, das Bild des Staatsmannes, aber auch des Wahlmanagers Kohl puzzleartig zusammenzusetzen.
Eisel war nicht in einer Entscheidungsposition, aber mit Reden kann man die Politik gestalten. Auch er, das ist das überraschende, widmet der Motivation der Deutschlandpolitik Kohls große Aufmerksamkeit, und er liefert Zitate und politische Urteile der Gegner einer einheitsorientierten Politik in den Achtzigerjahren, die, mit Abstand betrachtet, alles über dieses politische Milieu von damals sagen.
Bei Eisel wird auch das Verhältnis zu Franz Josef Strauß besonders profiliert dargestellt, Barzel auf seine wahre Größe reduziert, und es werden Aussagen von Bahr, Fischer, Momper, Bölling, Schmude, Schöffberger, Vollmer, Lafontaine, Grass präsentiert. Sie zeigen, wie sehr man Realitäten einfach nicht wahrnehmen wollte, aber sich moralisch enorm überlegen fühlte.
In der Hauptstadtfrage offenbaren sich dann die Grenzen der Bonn-zentrierten Perspektive Eisels. Dabei ist der Hinweis sehr aufschlussreich, dass im Mitarbeiterkreis Kohls praktisch niemand für Berlin gewesen sei.
Das „höchst subjektiv", eben persönlich angelegte Buch Eisels ist auch darin nützlich, dass es über viele Faksimiles aufzeigt, wie sehr und mit welchen Aussagen Kohl in die Gestaltung „seiner" Reden eingegriffen hat.
Pünktlich zum 80. Geburtstag des „Kanzlers der Einheit" veröffentlicht Stephan Eisel, langjähriger Redenschreiber, Mitarbeiter Helmut Kohls im Kanzleramt und ehemaliger Bonner Bundestagsabgeordneter, seine äußerst interessante „Nahaufnahme", die bewusst „höchst subjektiv" gefasst ist und auf den eigenen und unmittelbar persönlichen Erinnerungen des Autors basiert.
Eisel bietet interessantes Material, das uns den Menschen und Politiker Kohl immer wieder neu und facettenreich nahe bringt. Der Leser wird eingeladen, hinter die Kulissen zu blicken, und lernt vieles, was sich nicht in den Akten und historischen Zeugnissen finden lässt. Ein hoch spannendes, kluges und hervorragend geschriebenes Buch, das jedem zu empfehlen ist, der sich näher mit der Gestalt Helmut Kohls und dem von ihm wesentlich geprägten Abschnitt der Geschichte der CDU befassen will.
Die Tatsache, dass dem Buch in Bezug auf Syntax und Orthographie an manchen Stellen ein etwas sorgfältigeres Lektorat zu wünschen gewesen wäre (wohl ein Zugeständnis an den Druck des Erscheinungstermins), trägt dem Prädikat „Unbedingt lesenswert!" keinerlei Abbruch, sondern unterstreicht die guten Wünsche für eine baldige zweite Auflage.
Altbundeskanzler Helmut Kohl wurde 80
Eine Nahaufnahme
Buch des engen Mitarbeiters Dr. Stephan Eisel über seinen Chef
Bericht Maria C. Wilhelm
Stephan Eisel war bis Oktober Mitglied des Bundestages, er ist promovierter Politologe und studierter Musikwissenschaftler. Die überwiegende Zeit seiner politischen und beruflichen Karriere verbrachte er im Umfeld des Altkanzlers und galt als einer d e r strategischen Köpfe im Team. Stephan Eisel hat Helmut Kohl seit Mitte der 70er-Jahre immer wieder aus der Nähe erlebt.
Er begleitete Helmut Kohl von 1983 bis 1992 als enger Mitarbeiter im Bundeskanzleramt wä h r e n d der Zeit der Wiedervereinigung als stv. Leiter des Kanzlerbüros. Zuvor hat er als Bundesvorsitzender des Rings christlich-demokratischer Studenten (RCDS) den Oppositionsführer Kohl unter anderem im CDU-Bundesvorstand beobachtet. In den 90er-Jahren hatte Eisel als Bonner CDU-Kreisvorsitzender unmittelbar mit Kohl zu tun. Dem Alt-Kanzler ist er oft als Bonner Bundestagsabgeordneter begegnet.In dem nun von Eisel vorgelegten Buch über die Eindrücke und Erinnerungen findet man viele spannende, einige erhellende und auch menschliche Hintergründe, die als Geschichten unterhaltend sind. Beschrieben wird ein Helmut Kohl, der so nicht immer erkannt wurde.
HELMUT KOHL IN DER NAHAUFNAHME
von Jochen Blind
Am 3. April 2010 feierte Helmut Kohl seinen 80. Geburtstag. Rechtzeitig zu diesem Ereignis sind mehrere Biographien über den Altbundeskanzler erschienen. Doch keine davon kommt dem Ehrenbürger Europas so nahe wie das Buch „Helmut Kohl. Nahaufnahme" (Bouvier-Verlag) von Stephan Eisel. Schließlich war der promovierte Politikwissenschaftler und ehemalige Bundestagsabgeordnete lange Jahre enger Mitarbeiter Helmut Kohls, unter anderem als Redenschreiber und stellvertretender Leiter des Kanzlerbüros.
Diese große persönliche Nähe zum Kanzler der Einheit ermöglicht einen Blick in dessen Regierungszeit, den andere Autoren nicht bieten können: Es sind vor allem die persönlichen Erlebnisse und Anekdoten, die dieses Buch lesenswert und das „Phänomen Helmut Kohl" greifbar machen. Eisels Bewunderung für den Altbundeskanzler ist stets spürbar, das Buch ist jedoch keine undifferenzierte Schwärmerei. Der fragwürdige Umgang mit manchen Medien, das Verhalten während der CDU-Spendenaffäre - auch Aspekte, an denen sich die Geister scheiden, finden Eingang, ohne dass der Blick auf die Lebensleistung des Staatsmannes Helmut Kohl getrübt wird.
Der schwarze Filzstift
Als Mitarbeiter Kohls im Kanzleramt 1983 bis 1992
Auf der Kohl-Welle zum 80. Geburtstag will Stephan Eisel mitschwimmen. "Nahaufnahme" lautet der Untertitel seines Schnellschusses, der als rekordverdächtig gelten darf, wenn man sich an der Zahl der Schludrigkeiten (Tippfehler, Verben gleich doppelt in mehreren Sätzen, einmal fehlt sogar das Subjekt) orientiert. Der Autor war von 1983 bis 1992 Mitarbeiter im Kanzleramt, zunächst Redenschreiber, dann stellvertretender Leiter des Kanzlerbüros. Der gebürtige Pfälzer trat 1972 der CDU bei, damals "keineswegs ein Fan von Helmut Kohl". Das sollte sich grundlegend ändern - spätestens 1979 mit der Kanzlerkandidatur des CSU-Chefs Strauß, die der RCDS-Bundesvorsitzende Eisel ablehnte. Durch einen persönlichen Brief habe sich Kohl im Sommer 1979 bemüht, dem RCDS "die Sorge vor einer Richtungsänderung der Union zu nehmen. Wir waren beeindruckt davon, wie ernst er unsere Kritik nahm und wie schnell er persönlich reagiert hatte."
Über den Arbeitsstil des Kanzlers erfährt man, dass "dezentes Donnergrollen" nicht Kohls Sache gewesen sei: "Seine Donnerwetter kamen mit kräftigen Blitzen und ordentlichem Platzregen." Kohl "ließ keinen Zweifel daran, wer der Chef war. Aber er wollte in der Regel überzeugen und nicht verordnen." Manche seiner Filzstiftkommentare, die an Klarheit "meistens nichts zu wünschen übrig ließen", gibt Eisel im Faksimile wieder, darunter Bemerkungen zu Redeentwürfen. Kohls Stärke sei es gewesen, in freier Rede die Zuhörer in seinen Bann zu ziehen: "Aber wenn es darum ging, einen Text vom Blatt abzulesen, war er kein guter Redner. Als Redenschreiber scherzten wir manchmal, dass Richard von Weizsäcker das Berliner Telefonbuch vorlesen konnte und es als geistige Wegweisung aufgenommen werden würde, während Helmut Kohl einen faszinierenden Text wie das Berliner Telefonbuch vorlesen konnte."
In diesem Zusammenhang weist Eisel auf Ansprachen zum 40. Jahrestag des Kriegsendes hin - Kohl im Konzentrationslager Bergen-Belsen am 21. April 1985: "Der Zusammenbruch der NS-Diktatur am 8. Mai 1945 wurde für die Deutschen ein Tag der Befreiung", Weizsäcker Anfang Mai vor dem Bundestag: "Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung." Dazu schreibt Eisel: "Während die Medien in großer Begeisterung über von Weizsäckers Wort vom ,Tag der Befreiung' ausbrachen, hatten sie denselben Satz von Helmut Kohl praktisch ignoriert." Bis hin "zu wörtlichen Formulierungen" bestünden Übereinstimmungen: "Wir haben später gelegentlich beide Texte Besuchergruppen im Kanzleramt vorgelegt, ohne die Autoren zu nennen. Regelmäßig wurden die Reden verwechselt."
Anschaulich schildert Eisel die CDU-internen Kämpfe und Intrigen 1989 bis zum Bremer Parteitag, wo der Versuch, Kohl zu stürzen, endgültig scheiterte. Dabei kann er sich auf eigene Notizen und sein "Tonband-Tagebuch" stützen. Durch herausgehobene Funktionen in der Bonner CDU stand und steht Eisel weiter in Kontakt mit dem "Glücksfall für die deutsche und europäische Politik des 20. Jahrhunderts", ebenfalls durch seine Tätigkeit in der Konrad-Adenauer-Stiftung: "Wenn ich nach seinem Ausscheiden mit Helmut Kohl über Angela Merkel sprach, hatte ich den Eindruck, dass er ihren Weg mit einer Mischung aus persönlicher Verärgerung und Enttäuschung im Zusammenhang mit der Spendendebatte und professioneller Bewunderung über ihre Konsequenz beurteilte."
RAINER BLASIUS
Einen ganz anderen Zugang
"Einen ganz anderen Zugang zu Kohl" bietet Stephan Eisel. "Der ehemalige Redenschreiber und stellvertretende Leiter des Kanzlerbüros ("Helmut Kohl.Nahaufnahme") ... berichtet ohne Anspruch auf Objektivität von persönlichen Begegnungen und Erfahrungen mit Kohl. Allzu hohe Erwartungen an kritische Analyse und Distanz sollte der leser bei dieser Form der Näherung naturgemäß nicht haben. Doch diesen Anspruch (erhebt) Eisel auch garnicht.
Zum Verständnis von Kohls Arbeitsweise kann der ehemalige Bonner Bundestagsabgeordnete Eisel einiges beitragen, unter anderem durch zahlreiche mit handschriftlichen Anmerkungen des damaligen Kanzlers versehenen Dokumente. "Entscheidend war sein persönliches Vertrauen", schreibt Eisel, der sich in seinen Erinnerungen stark auf sein persönliches Tonband-Tagebuch stützt. Kohls Stärke sei seine "innere Ruhe" gewesen, die manchmal auf seine Umgebung "fast provozierend" gewirkt habe, so Eisel."
(Kai Pfundt)
Mein Leben mit Kanzler Kohl
Von Frank Überall
Am 3. April wird Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl 80 Jahre alt. Zwei Rheinländer haben den CDU-Politiker in seiner politischen Glanzzeit begleitet. In aktuellen Büchern berichten sie von ihren Erfahrungen. Kohls früher Redenschreiber Stephan Eisel aus Bonn plaudert in seinem neuen Buch über die Zeit mit dem Kanzler, der ehemalige WDR-Korrespondent Rüdiger Sommerling aus Köln legt mit einem Hörbuch eine akustische Reise durch die Zeit von Kohls Kanzlerschaft vor.
Stephan Eisel hat Helmut Kohl schon als junger Student kennengelernt. Da wusste er noch nicht, dass er eines Tages ganz nah an der Macht arbeiten dürfte. An der Universität Marburg hatte Eisel 1978 Politikwissenschaft studiert. Dominiert wurde der Campus damals von linken Hochschulgruppen, Eisel war im CDU-nahen Ring Christlich-Demokratischer Studenten aktiv. Kurzerhand lud er den damaligen Ministerpräsidenten Helmut Kohl ein, was für enorme Unruhe an der "roten" Uni sorgte. Schon damals imponierte ihm, wie Kohl sich mit seinem lauten Organ gegen Pfiffe und Schreie der Gegendemonstranten durchsetzte.
Sechs Jahre später war Eisel einer derjenigen, die im Kanzleramt solche Reden für Kohl schreiben durfte. Er hat ein Tagebuch auf Tonband geführt, was ihm jetzt das Buchschreiben erleichtert hat. Die subjektive Biografie, die Eisel veröffentlicht hat, ist weder mit dem Alt-Kanzler abgestimmt noch von ihm autorisiert.
In seinen Nahaufnahmen gibt Stephan Eisel intime Einblicke in die Schreibstuben der Macht. Von 1987 bis 1991 war er sogar stellvertretender Leiter des Kanzlerbüros. Eisel schwärmt nicht undifferenziert über Kohl, er versucht, dem Vater der Einheit in ausgewogener Art gerecht zu werden. "Seine Donnerwetter kamen mit kräftigen Blitzen und ordentlichen Platzregen. Manchmal war man davon auch ohne Grund betroffen. Aber wenn er meinte, sich ungerecht verhalten zu haben, hat sich Helmut Kohl auch entschuldigt." Es ist diese menschliche Seite, die Eisel an seinem ehemaligen Chef stets geschätzt hat. Eine Mischung aus unbedingtem Machtwillen und rührender Menschlichkeit.
Das sieht auch der einstige WDR-Mann Rüdiger Sommerling so. Seine kritischen, zuweilen bissigen Kommentare haben den Kanzler meist nicht besonders gefreut. Er hatte ohnehin ein distanziertes Verhältnis zu Journalisten, verspottete sie bei vielen Gelegenheiten. "Er hat mir hin und wieder vor Kollegen verbal eins auf den Deckel gegeben", erinnert sich Sommerling: "Aber er hat mich nie verletzt." Der Reporter beobachtete Kohl nicht nur im Bundestag und in der Parteizentrale in Bonn, sondern auch auf Staatsterminen und Reisen. Sogar zum Urlaubsort am Wolfgangsee durfte er hin und wieder mit. "Ich habe Helmut Kohl kennengelernt als Machtmenschen", berichtet Rüdiger Sommerling: "Aber er konnte auch zahm sein wie ein Lamm." Der Kanzler habe die Menschen in seiner Umgebung oft mit guten Späßen unterhalten, auch wenn sich manche dadurch eher malträtiert gefühlt hätten. In seiner Audio-Collage stellt der Journalist im Ruhestand nicht nur Kohl selbst dar, sondern auch, was dessen politischen Gegner von ihm dachten - und zwar innerhalb und außerhalb der Union.
Respekt bei Sommerling, Begeisterung bei Eisel - so lassen sich die publizistischen Beobachtungen der beiden Rheinländer zusammenfassen. Bestürzt zeigten sich jedoch beide über die Spendenaffäre, die der Alt-Kanzler später ausstehen musste. Damit habe man nicht gerechnet, lautet das einmütige Urteil. Die Affäre kostete Helmut Kohl den Ehrenvorsitz der CDU. "Ich glaube aber, dass sich die Gremien mehr von Helmut Kohl entfremdet haben als die Basis", sagt Eisel.
* Stephan Eisel: "Helmut Kohl - Nahaufnahme", 190 Seiten, Bouvier Verlag, 19,90 Euro
* Rüdiger Sommerling: "Helmut Kohl - Reden, Reportagen, Politikerstimmen aus 13 Jahren", Hörbuch-CD, Bouvier-Verlag, 15,90 Euro
Denn bei Stephan Eisels Buch handele es sich nicht um eine "übliche Biografie", sondern um eine "persönliche Erlebnisreise". Schließlich habe Eisel Helmut Kohl über drei Jahrzehnte aus der Nähe erleben können: Anfang der 70er Jahre bei der Jungen Union in seiner pfälzischen Heimat, dann beim Ring christlich-demokratischer Studenten in Marburg und als RCDS-Bundesvorsitzender 1979/80 in Bonn. Am prägendsten sei sicherlich die Zeit von 1983 bis 1987 als Redenschreiber für den damaligen Bundeskanzler und von 1987 bis 1991 als stellvertretender Leiter des Kanzlerbüros gewesen.
Vor allem fesselten den CDU-Generalsekretär die "politischen Sternstunden" in Kohls Leben. Dazu gehört auch die Darstellung des vor der Wiedervereinigung herrschenden innenpolitischen Klimas in der Bundesrepublik: Während heute "die Zahl der Väter und Mütter der deutschen Einheit von Jahr zu Jahr" wachse, hätten 1989 viele das Thema Wiedervereinigung längst abgeschrieben, schreibt Eisel. Andere wiederum, wie der damalige saarländische Ministerpräsident Oskar Lafontaine (SPD), hätten das Ziel der Wiedervereinigung noch einen Tag vor dem Mauerfall, am 8. November 1989, "für falsch und anachronistisch" gehalten.
Als zeitlos aktuell würdigte Gröhe Kohls Analyse des Ergebnisses der Bundestagswahl 1987. So habe der damalige Kanzler eine wesentliche Ursache für die Stimmenverluste auf den Dauerstreit zwischen CSU und FDP zurückgeführt. Nichts sei nun einmal schlimmer als "das Bild der Uneinigkeit". Kohls Schlussfolgerung: "Man müsse sie einfach laufen lassen, ohne dauernd zu kommentieren und dadurch ihren Kurs aufzuwerten". Dass Hermann Gröhe dieser unterhaltsamen und spannenden "Nahaufnahme" viele Leser wünscht, soll an dieser Stelle ausdrücklich erwähnt werden.